Aus der HartzIV-Geschichte: Hartz Vorboten

Ausruhen* Der folgende, vorgeblich heitere Text wurde 2001 im Onlinemagazin “Mein Schatz” unter dem Titel “Rausch des Winters II” von Wilma vom Senf veröffentlicht. Nun schon ein Dutzend Jahre alt hat sich absolut nichts zum Besseren entwickelt, im Gegenteil. Erst vier jahre nach der Veröffentlichung tragen die Hartz-Gesetze 2005 in Kraft.

Die Praxis der Zwangsverrentung, gesetzlich gedeckt seit 01.01.2013 ist der Gipfel auf dem Eisberg der Sanktionspraxis und Entrechtung Erwerbsloser. Die sinnlosen Maßnahmen zur “Selbstoptimierung” der “Kunden” bei den Jobcentern haben hingegen stetig zugenommen. Die kleinen feinen Träger, die noch mehr oder weniger sinnvolle Weiterbildungen anboten, um strukturellen Änderungen auf dem Arbeitsmarkt begleitend zu bewältigen, gibt es immer weniger. Die Förderung des zweiten Arbeitsmarktes oder eines öffentlich-geförderten Beschäftigungssektors funktionierte bisher nur sporadisch und mit ständig sinkenden außertariflichen Löhnen. Deshalb hat sich die “Blaue Stunde” entschlossen, den Text von 2001 noch einmal zu veröffentlichen.   Weiterlesen

Lesetipp – Konstanze Kriese: Vom schwierigen Auszug aus dem Fordismus

Arbeit und Produktion im digitalen Zeitalter

Die Veränderungen vom Automobilbau bis zur Medizintechnik sind genauso tiefgreifend wie die Entstehung der »Creative industries«. Erst wenn die Arbeitswelten in Callcentern, der internationalen Logistikbranche, von Kaffeebäuerinnen und Textilherstellern, von Pflegekräften und Radiostationen, in Internetagenturen sowie im Café um die Ecke zusammengedacht werden, lassen sich wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen in den sozial und strukturell zerklüfteten Arbeitswelten genauer beschreiben. Dann ist der »digitale Bohemien« einer von vielen und einer mit vielen Abhängigkeiten. Er isst bekanntlich Pizza und trinkt Kaffee. Die Pizza kann er im Netz bestellen und mit regionalen Rohstoffen herstellen lassen. Doch der Kaffee kommt aus einer anderen Welt, mit der nicht nur er digital vernetzt, sondern auch geschichtlich verbunden ist. Weiterlesen

Freiheitsbegriffe: reklamiert, okkupiert, neuformuliert und durchlebt

Handbuch zur Freiheit: Schritt für Schritt ins Paradies

Ein Hand- und Lesebuch zur Freiheit

Pünktlich zur Konferenz “Macht ohne Herrschaft”, veranstaltet von der Ema.Li in den letzten Februartagen im Haus der Demokratie in Berlin (2013) erschien aus deren Dunstkreis das beim Katrin Kramer Verlag Berlin erschienene Büchlein: Schritt für Schritt ins Paradies. (Hg.) Karsten Krampitz und Klaus Lederer.

Bernd Hüttner hatte es vorab im Prager Frühling mit sichtlichem Vergnügen rezensiert und resümiert:

“An dem Buch, das insgesamt 29 Artikel enthält, werden viele Kritik  üben. Den ParteianhängerInnen dürfte es zu anarchistisch, zu kritisch und frech,  zu un-Partei-isch sein. Weiterlesen

Rausch und Rituale im Winter

Rausch basiert auf der häufigen Wiederholung dessen, was wir gut können, wächst inmitten knallharter Rituale und überlebt nur in der Waagerechten zwischen Überforderung und Langeweile.

Deshalb bekomme ich alle Jahre wieder kurz vor Weihnachten einen schweren Anfall, eine Ratgeberecke zu veröffentlichen. Backrezepte, Weihnachtsbraten, Geschenketipps… Was kann ich denn beitragen, um die geschäftlige Vorweihnachtszeit vergessen zu machen, um ein leichtes erleuchetes Innehalten bei sanft abgesenktem Bewusstsein zu erzeugen, wo ich doch unentwegt an Puntsch, Schokolade und leuchtende Lichterketten denken muss. Weiterlesen

Freude schöner Götterfunken

„Dieser Krieg führt uns die Verletzlichkeit kultureller Vielfalt vor Augen und unseren Unwillen oder unsere Unfähigkeit, diese Vielfalt zu schützen.“, schrieb Annett Zinsmeister 1997 in ihr Reisetagebuch über Sarajewo. (1) Im Krieg wurden die Toten auf den Friedhöfen nicht mehr nach Religionen und Überzeugungen getrennt. Weiterlesen

Dann sind wir Helden für einen Tag

David Bowies „Heroes“ stand in der DDR auf dem Index. Das Lied durfte sich weder in Vinyl gepresst in einem durchleuchteten Päckchen befinden, noch in Radiostationen gespielt werden. Die Lovestory der Königskinder, die im Niemandsland eines Rocksongs zueinanderfinden, gehörte zum Soundtrack der Babyboomer im Osten wie im Westen. Weiterlesen

“Stirbt Trevira – Stirbt Guben”

Die am 6. Juli 1950 proklamierte Oder-Neiße-Grenze war im erschütterten Nachkriegseuropa alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Noch in den 50er Jahren wurde der Grenzverlauf zwischen der neuen Doppelstadt – Guben in der DDR und Gubin in der Volksrepublik Polen – militärisch gesichert. Die Mächtigen der SED und der PVAP handelten nach und nach Lockerungen im Grenzverkehr aus. (1) 1980 wurde die Grenze wieder geschlossen. Weiterlesen

Die Postkarte

Eine wahre Geschichte zum Tode von Christa Wolf (18. März 1929 – 1. Dezember 2011)

Es ist viele Jahre her, da lernte ich die Mutter eines Studienfreundes, eine Frau namens Christa S., kennen. Sie hatte ein eigenes und fünf Stiefkinder großgezogen und lebte mit einem diplomierten Jäger zusammen. Beide bewohnten ein seltsam großes und dunkles Haus mitten auf dem Gelände des Forstinstituts in Eberswalde. Christa S. ging im Institut ihrer Arbeit als Bibliothekarin nach. Sie las unentwegt Bücher, konnte mir von Émile Ajar bis Lion Feuchtwanger erzählen, was ich unbedingt noch lesen könnte. Sie mochte mich. Ihr Sohn bewohnte mit mir und einem weiteren Freund eine Studentenbude. Ostern 1983 waren wir – wie oft an längeren Wochenenden – die »Kinder« in Christa S.’ Haus, konnten uns am Kühlschrank und am Bücherregal bedienen. Weiterlesen

Rausch des Sommers IV – Die Drogenduftorgel

Preussische Spirituosen Manufaktur, Berlin-Wedding

Preussische Spirituosen Manufaktur, Berlin-Wedding

“Über 200 Duft- und Geschmackstoffe aus Blüten, Kräutern, Wurzeln, Rinden und Samen machen die Drogenduftorgel der Preussischen Spirituosen Manufaktur zum Ausgangspunkt sämtlicher Kompositionen.” Wer immer dies ins Faltblättchen einer ungewöhnlichen Weddinger Destillieranstalt geschrieben hat, bekommt den Preis für die Wortschöpfung der Woche, verliehen vom hiesigen Blaue-Stunden-Blog. Doch deshalb lohnt es kaum, die Tastatur zu quälen. Der tiefe Grund ist die Preisung hochprozentiger Kunst. Weiterlesen