Wandel und Verwandlung in vier Akten – Teil IV

Kultur und Arbeit IV

Das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, vor Augen, forderte eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Theater wieder in das gesellschaftliche Zentrum zu rücken, mit und in ihm öffentliche Räume zu okkupieren, es zum Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Bewusstseinsbildung zu machen, als Baustelle städtischer Identität zu begreifen – um nichts weniger als dies geht es in einer Situation, in der Arbeit als gemeinschaftsstiftendes Moment für große Teile der Bevölkerung weggebrochen ist, in der Kommunen Insolvenz anmelden und nur noch im Notbetrieb arbeiten, in der öffentliche Kommunikation gemeinhin den Massenmedien anheim fällt, in der sich kollektive Identitäten im Nebel der globalen Verfügbarkeit auflösen oder Kinder und Jugendliche in der Freizeit meist sich selbst und den leeren Bushaltestellenhäuschen oder rechtsradikalen Freizeitangeboten überlassen sind..“ [5] Weiterlesen

Wandel und Verwandlung in vier Akten – Teil III

Kultur und Arbeit III

Über das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, schrieb eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Nicht anbiedernd und auf den vermeintlich den Kulturbedürfnissen von Arbeitern (oder eben Arbeitslosen) entsprechenden Unterhaltungssektor zielend, sondern intellektuell, provokant und mit präziser Sprache und entschiedener Geste …Nicht das bildungsbürgerliche oder das avantgardistische Theater, das den Westen Deutschlands dominiert, sondern ein Theater, dessen Ansprüche sich mindestens ebenso an der konkreten gesellschaftlichen Situation und den kommunikativen Bedürfnissen der ansässigen Bevölkerung wie an der Kunst orientieren, ist das Erfolgskonzept Ostdeutschlands.“ [4] Wir erkennen, wir sollten von der Zukunft Europas, von der Zukunft der Arbeit, der Zukunft der Kultur sprechen. Weiterlesen

Wandel und Verwandlung in vier Akten – Teil II

Kultur und Arbeit II

Über das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, schrieb eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Die erste von 23 Uraufführungen, die er während seiner ersten Spielzeit auf die Bühne bringen will, war Volker Brauns „Was wollt ihr denn“ – ein makaber inszeniertes Stück über die ewige Freizeit, den freudlosen Zwangsurlaub im Arbeitslosenparadies, wie die Lausitz es sich anschickt zu sein. Latchinians Konzept ist es, Theater für die Dagebliebenen zumachen, das vorhandene Publikum ernst zu nehmen.…“ [2] Die Kultursoziologin fand das gut. Sie sah darin die Zukunft kultureller Institutionen in Regionen, die von Arbeitslosigkeit und Abwanderung geprägt sind. Später werden wir erkennen, dass wir von der Zukunft Europas sprechen. Weiterlesen

Wandel und Verwandlung in vier Akten – Teil I

Zur Kulturkonferenz der Linkspartei.PDS am 21. und 22. Oktober 2006 in Senftenberg

Kultur und Arbeit I

Über das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, schrieb eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Dass in quasi bildungsbürgertumsfreien Zonen wie diesen ostdeutschen Regionen Stadttheater … trotzdem breit akzeptiert, gut ausgelastet und oft ausverkauft sind, ist Zeichen für einen Paradigmenwechsel, dessen Bedeutung und Beispielhaftigkeit sich vielleicht erst in den nächsten Jahrzehnten herausstellen wird. …“ [1] Sie beklagte keine Verluste. Sie sah Ähnliches in Schwedt, Anklam und an anderen Stadttheatern in Ostdeutschland. Später werden wir erkennen, dass wir von der Zukunft Europas sprechen, denn die Industriearbeit wird nicht nach Europa zurückkehren. Die älter werdende Gesellschaft wird ihre eigenen Vorzüge und Werte entdecken müssen. Wachstum werden wir neu definieren. Rückbau, Renaturierung werden wir nicht mehr als Durchgangsstufen, als Übergang in eine bessere Zukunft verstehen lernen. Weiterlesen

“Kultur für alle” als Antwort auf das Symbol der Hohenzollern

Seit Anfang Dezember ist der Palast der Republik in Berlin Geschichte und das Humboldt-Forum Zukunft

Der Palast des Republik sollte ein Palast des Volkes sein. Doch ein Palast des Volkes ist ein Unding an sich. Wohnt das Volk nicht in Hütten statt in Palästen? Ja, all dies geriet mit der Deutschen Demokratischen Republik in Bewegung, ob symbolisch, ideologisch oder praktisch. Immerhin wurde in den 50ern – in der Berliner Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee – der eigenwillige Versuch unternommen, barocken Wohnraum für die junge regierende Arbeiterklasse – oder doch zumindest für einige ihrer Repräsentanten – zu errichten. So berührte die Palastidee in den 50ern immerhin noch das Recht aufs Wohnen. In den 60ern dann wurde sie auf die Traditionslinie des Kulturpalastes reduziert. Darin lag ein gewisser Realismus. So lebte das Palastmotiv in der Idee kommunikativer, allen zugänglicher Architektur fort. Darin steckte denn zumindest der Sieg der Demokratie über die Monarchie. Und insofern ist es doch bedeutsam, dass der Palast der Republik immer auch mehr als ein repräsentatives Kulturhaus war. Darin kam das Volk schließlich nicht zurück in die Hütte, sondern – wenn höchst formalisiert – in die Volkskammer.

Im Palast der Republik, der am 23. April 1976 eröffnete wurde, waren Alltagskulturelles, Theater, künstlerische und politische Großereignisse, Malerei, Kulinarisches, Jugendtanz und eine merkwürdig geräuschlos ablaufende parlamentarische Demokratie unter ein Dach gebracht. Vom Ansatz her – abgesehen von der Geräuschlosigkeit – eine interessante Idee. Die Ausführung blieb bruchstückhaft, aber denkwürdig. Denkwürdig zum ersten wegen des Ortes. Der Palast der Republik wurde auf dem Gelände des im Zweiten Weltkrieg zerstörten und ausgebrannten Berliner Stadtschlosses gebaut, an der Achse des historischen Berlins. Das Stadtschloss und sein politisches Ende war im Balkonzitat geronnen, welches an das Staatsratsgebäude montiert wurde. Von diesem Balkon, obwohl Kulturwissenschaftler dies auch heftig bestreiten, soll Karl Liebknecht am 9. November 1918 die sozialistische Republik ausgerufen haben.

Demokratie und »Kultur für alle« als Antwort auf das Symbol der Hohenzollern ist immerhin eine Idee, die Geschichte des Ortes aufzunehmen und eine Perspektive schreiben zu wollen. Allerdings blieb ausgerechnet das Parlament der staatssozialistischen DDR – in der architektonischen Hülle des Palastes des Volkes – bis kurz vor ihrem Ende in einem merkwürdigen Dunkel. Nur die Fassadenseite der Volkskammer war ein touristisches Highlight, spiegelte sich doch der Berliner Dom in der kupferverspiegelten Fassade des Palastes und ergab damit ein schönes Foto, welches der späten Großstadt Berlin gut zu Gesicht stand. Doch die lebendige Demokratie fand wenn, dann eigentlich im kulturellen Ansatz des Palastes statt.

Denn wer in der DDR aufgewachsen ist, hatte den Palast tatsächlich in Besitz genommen, ob als Konzertbesucherin bei Miriam Makeba, als Fan von Udo Lindenberg oder dem Jazzpianisten Abdullah Ibrahim, bei Rock für den Frieden, als Kaffeehausträumerin, Theaterfreak, vorm Fernseher beim »Kessel Buntes« oder einfach als bummelnde Berlinbesucherin, die außer H-Milch und Pflaumenmus auch mit geistigem Gepäck in die Provinz zurückreisen wollte. Studenten der Humboldt-Uni gingen nicht nur ins Lindencorso. Im Palast kostete der Berliner Apfelkuchen mit 20 Gramm Sahne und einem Kännchen Kaffee 1,80 Mark der DDR. Es gab Sonderbriefmarken in einem Postamt und den Blick auf das Marx-Engels-Forum mit seinen vielen Kaninchen. Gemälde von Mattheuer, Sitte, Paris, Heisig, Womacka und anderen verwandelten die erste Palastetage in eine der interessantesten Galerien der Gegenwartskunst, in die man nicht hineinging, sondern die im Alltag »vorbei kam«.

Demokratie und Architektur

Es war die Volkskammer, die 1990 die Asbestsanierung beschloss und damit unfreiwillig dem Palast der Republik sein Ende bescherte wie einstmals Walter Ulbricht dem Berliner Stadtschloss. Der Palast der Zwischennutzung begann zu leben und mit ihm eine hitzige Diskussion um symbolische und gelebte Geschichte, um die Setzung von repräsentativen Symbolen der Macht, um die historische Tragfähigkeit von Architekturbeschlüssen aus dem Parlament. Es war der verschwindende Palast, mit dem es gelang, das Symbolhafte seiner demokratischen Ideen vollständig aufzulösen. Er wurde zum Gefäß städtebaulicher Schrumpfungsdebatten, zum Kunstraum, zum Versammlungsort des BDI, zum Nachbarn der ins ehemalige Staatsratsgebäude eingezogenen European school of management and technology, bei der die Jahresstudiengebühren 50.000 Euro betragen und von Unternehmen getragen werden. Dass das Verschwinden eines solch exponierten Gebäudes so viele Debatten auslöst, ist wenig verwunderlich. Dass das Verschwinden zugleich mit großen Buchstaben diverse ZWEIFEL aufkommen lässt, die sich auch nach dem Verschwinden des Stahlskelettes nicht ausräumen lassen, dokumentiert bleiben und erinnerbar, ist mehr als ein ästhetischer Gewinn.

Im Juli 2002 stimmte der Bundestag mit annähernder Zweidrittelmehrheit für den unmittelbaren Wiederaufbau des Schlossäußeren und dem Humboldt-Forum zu.

Weiterhin wurde der Palast der Republik Gegenstand unzähliger Rettungsaktionen und immer auch zugleich zu einem Symbol der Debatte über deutsche Geschichte und den Umgang mit der Wiedervereinigung. Diese Debatte hatte immer auch den ganzen Schlossplatz erfasst. Die Palastidee der Zwischennutzung lebt in der kürzlich eröffneten temporären Kunsthalle, der eckigen Wolkenlandschaft fort. Vielleicht ist die Zwischennutzung dessen, was da ist, die bisher tragfähigste Idee jenseits von Schloss und Palast, in der Demokratie und Kultur, Geschichtsdebatte und Perspektivsuche verbunden werden können. Diese Idee widersetzt sich zum einen der Sehnsucht nach Schlossfassaden, respektiert zum anderen die demokratische Entscheidung und irgendwie auch noch das Faktische einer gewachsenen Stadt. Das Humboldt-Forum als ehrgeiziges nationales Kultur- und Wissenschaftsprojekt nimmt immerhin das Motiv der Zugänglichkeit für alle wieder auf. Doch Lösungen – jenseits von Schloss und Palast – zu suchen, diese Debatte ist – per demokratischer Entscheidung – beendet. Der Städtebaubeschluss der parlamentarischen Demokratie scheitert bisher am Geld. Das ist, wenn man so will auch symbolisch.

»Der Architekt Francesco Stella aus Italien hat den Wettbewerb um das Humboldt-Forum auf dem Berliner Schlossplatz gewonnen. Obwohl der Entwurf Stella’s historisierend ausfällt, tue er niemandem weh«, so lautet die Nachricht des Architekturportals detail.de am 28. November dieses Jahres. Die Debatte »Was soll ins Humboldtforum?« hat längst begonnen. Die Lehren aus dem Palast der Zwischennutzung sollten da hinein, wenn schon die Architektur angeblich niemandem wehtun wird.

(Der Text entstand für Disput im November 2008.)

Metropole Lausitz

2006 hatte Essen gegen Görlitz bei der Bewerbung um den Kulturhauptstadttitel für 2010 gewonnen. Jetzt ist es soweit. Das ganze Ruhrgebiet ist in diesem Jahr neben Pécs in Ungarn und Istanbul in der Türkei zur Kulturhauptstadt Europas 2010 auserkoren. Über das Ereignis Ruhr 2010 ist eine öffentliche Debatte entbrannt. Immerhin. Sie wird hoffentlich das Jahr der Events überdauern. Weiterlesen