Lesetipp – Konstanze Kriese: Vom schwierigen Auszug aus dem Fordismus

Arbeit und Produktion im digitalen Zeitalter

Die Veränderungen vom Automobilbau bis zur Medizintechnik sind genauso tiefgreifend wie die Entstehung der »Creative industries«. Erst wenn die Arbeitswelten in Callcentern, der internationalen Logistikbranche, von Kaffeebäuerinnen und Textilherstellern, von Pflegekräften und Radiostationen, in Internetagenturen sowie im Café um die Ecke zusammengedacht werden, lassen sich wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen in den sozial und strukturell zerklüfteten Arbeitswelten genauer beschreiben. Dann ist der »digitale Bohemien« einer von vielen und einer mit vielen Abhängigkeiten. Er isst bekanntlich Pizza und trinkt Kaffee. Die Pizza kann er im Netz bestellen und mit regionalen Rohstoffen herstellen lassen. Doch der Kaffee kommt aus einer anderen Welt, mit der nicht nur er digital vernetzt, sondern auch geschichtlich verbunden ist. Weiterlesen

Freiheitsbegriffe: reklamiert, okkupiert, neuformuliert und durchlebt

Handbuch zur Freiheit: Schritt für Schritt ins Paradies

Ein Hand- und Lesebuch zur Freiheit

Pünktlich zur Konferenz “Macht ohne Herrschaft”, veranstaltet von der Ema.Li in den letzten Februartagen im Haus der Demokratie in Berlin (2013) erschien aus deren Dunstkreis das beim Katrin Kramer Verlag Berlin erschienene Büchlein: Schritt für Schritt ins Paradies. (Hg.) Karsten Krampitz und Klaus Lederer.

Bernd Hüttner hatte es vorab im Prager Frühling mit sichtlichem Vergnügen rezensiert und resümiert:

“An dem Buch, das insgesamt 29 Artikel enthält, werden viele Kritik  üben. Den ParteianhängerInnen dürfte es zu anarchistisch, zu kritisch und frech,  zu un-Partei-isch sein. Weiterlesen

Die Postkarte

Eine wahre Geschichte zum Tode von Christa Wolf (18. März 1929 – 1. Dezember 2011)

Es ist viele Jahre her, da lernte ich die Mutter eines Studienfreundes, eine Frau namens Christa S., kennen. Sie hatte ein eigenes und fünf Stiefkinder großgezogen und lebte mit einem diplomierten Jäger zusammen. Beide bewohnten ein seltsam großes und dunkles Haus mitten auf dem Gelände des Forstinstituts in Eberswalde. Christa S. ging im Institut ihrer Arbeit als Bibliothekarin nach. Sie las unentwegt Bücher, konnte mir von Émile Ajar bis Lion Feuchtwanger erzählen, was ich unbedingt noch lesen könnte. Sie mochte mich. Ihr Sohn bewohnte mit mir und einem weiteren Freund eine Studentenbude. Ostern 1983 waren wir – wie oft an längeren Wochenenden – die »Kinder« in Christa S.’ Haus, konnten uns am Kühlschrank und am Bücherregal bedienen. Weiterlesen

Gramscis Hegemoniekonzept – ein produktives Missverständnis

(Teil 1 – zu Gramscis Kulturverständnis – Intro innerhalb einer AG der Frühlingsakademie der LINKEN, EJB Werbellinsee/Brandenburg, 19. Mai 2011)

These 1

Der Hegemoniebegriff zielt – neben der politischen Analyse von Kräfteverhältnissen – auf eine kulturelle Begründung politischer Ideen

Gramsci hat den Hegemoniebegriff für die Einheit von Herrschaftsformen entworfen, die über das Kapitalverhältnis hinaus, in den Institutionen des Überbaus – wie Schulen, Theater, Kirchen, Vereine und Parteien – geprägt werden. Er erkennt, dass die Zustimmung der Unterdrückten, sich nicht nur aus einem nackten ökonomischen Abhängigkeitsverhältnis speist. Institutionen der Zivilgesellschaft spielen beim Erhalt der Herrschaftsstrukturen neben dem Staat (im engeren Sinne) eine enorme Rolle.  „Wie entsteht aus diesen Strukturen die historische Bewegung?“, lautet Gramscis[1] Frage, nachdem sich nicht die Ideen der Oktoberrevolution, sondern ein europäischer Faschismus ausbreiten. Gramsci lieferte damit Anstöße für moderne politische Theorien, die auf ein funktionelles Zusammenspiel mehrerer Herrschaftsverhältnisse setzen. Feministische und queere Theorien verweisen schon lange auf die Verschränkung des Kapitalverhältnisses mit dem historisch älteren Patriachat und dem Rassismus. [2] Weiterlesen

Gramscis zwiespältiges Verhältnis zu den Künsten

(Teil 2 – zu Gramscis Kunst- und Kulturverständnis – Intro innerhalb einer AG der Frühlingsakademie der LINKEN, EJB Werbellinsee/Brandenburg, 20. Mai 2011, schriftliche Version)

1. Aspekte von Gramcsis Kunstauffassung

Warum Gramsci den Künsten einen hohen Stellenwert einräumte, haben wir am gestrigen Tage einigermaßen geklärt: Die Künste sind Teil des hegemonialen oder gegenhegemonialen Diskurses über grundlegende gesellschaftliche Widersprüche. In vielen Texten offenbart Gramsci ein ausgesprochen instrumentelles Verhältnis zu den Künsten. Sein Ansatz entspringt der Perspektive des Parteipolitikers und weniger der des Praxisphilosophen. Weiterlesen

Re :publica 11 – Das stand nicht im Programm…

Bloggerin Anne Roth moderierte Freitag, am 15. April 2011, am dritten Tag der re:publica 11 „Cyberfeministinnen und Girls on Web – ein Generationengespräch“

Panel Cyberfeminismus und Girls on Web

Anne Roth (i.d.M.) moderierte das Panel Cyberfeminismus

Der Generationenbegriff wurde einleitend wieder versenkt. Umso mühevoller entwickelten Diana McCarty und Valie Djordjevic, die den Cyberfeminismus in den 90ern mitbegründeten, seine Kunstraumherkunft, seine internationale Vernetzung, seine Mailinglistenkultur, seine Beteiligung an politischen Debatten. Auch die jüngeren, insbesondere Teresa Bücker, befanden für ihr breites Themenspektrum, von feministischen Zugängen zu sprechen, integrierbar. Dies insbesondere angesichts einer Ministerin Schröder, die die Steilvorlage für eine neue Akzeptanz feministischen Selbstbewusstseins liefere. Vergnügter noch präsentierte Katrin Rönicke von Girls on Web eine eingreifende Sinnhaftigkeit feministischer Zugänge und freute sich, den lokalisierten Freiraum für Bloggerinnen durch Vernetzung zu unterstützen. Weiterlesen

Progressive (künstlerische) Avantgarde als demokratietheoretischer Widerspruch und historisches Faktum

Rezension zu: Lutz Hieber, Stephan Moebius (Hg.). Avantgarden und Politik. Künstlerischer Aktivismus von Dada bis zur Postmoderne. 2009 (transcript-Verlag Bielefeld)

I. Zum theoretischen Ansatz

Lutz Hieber und Stephan Moebius haben einen Band zum Verhältnis (künstlerischer) Avantgarden und Politik herausgegeben und steigen beherzt mit einem Entree in ihren Sammelband unter dem Titel: Grundriss einer Theorie des künstlerischen Aktivismus von Dada bis zur Postmoderne (S.7-30), ein. Wir werden einleitend sanft aus dem vertrauten Refugium des Bildungsbürgertums verbannt und aufgeklärt, dass der Citoyen die Kunstautonomie als utopisches (Bildungs)refugium hochhielt. Weiterlesen

Wandel und Verwandlung in vier Akten – Teil IV

Kultur und Arbeit IV

Das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, vor Augen, forderte eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Theater wieder in das gesellschaftliche Zentrum zu rücken, mit und in ihm öffentliche Räume zu okkupieren, es zum Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Bewusstseinsbildung zu machen, als Baustelle städtischer Identität zu begreifen – um nichts weniger als dies geht es in einer Situation, in der Arbeit als gemeinschaftsstiftendes Moment für große Teile der Bevölkerung weggebrochen ist, in der Kommunen Insolvenz anmelden und nur noch im Notbetrieb arbeiten, in der öffentliche Kommunikation gemeinhin den Massenmedien anheim fällt, in der sich kollektive Identitäten im Nebel der globalen Verfügbarkeit auflösen oder Kinder und Jugendliche in der Freizeit meist sich selbst und den leeren Bushaltestellenhäuschen oder rechtsradikalen Freizeitangeboten überlassen sind..“ [5] Weiterlesen

Wandel und Verwandlung in vier Akten – Teil III

Kultur und Arbeit III

Über das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, schrieb eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Nicht anbiedernd und auf den vermeintlich den Kulturbedürfnissen von Arbeitern (oder eben Arbeitslosen) entsprechenden Unterhaltungssektor zielend, sondern intellektuell, provokant und mit präziser Sprache und entschiedener Geste …Nicht das bildungsbürgerliche oder das avantgardistische Theater, das den Westen Deutschlands dominiert, sondern ein Theater, dessen Ansprüche sich mindestens ebenso an der konkreten gesellschaftlichen Situation und den kommunikativen Bedürfnissen der ansässigen Bevölkerung wie an der Kunst orientieren, ist das Erfolgskonzept Ostdeutschlands.“ [4] Wir erkennen, wir sollten von der Zukunft Europas, von der Zukunft der Arbeit, der Zukunft der Kultur sprechen. Weiterlesen

Wandel und Verwandlung in vier Akten – Teil II

Kultur und Arbeit II

Über das Senftenberger Theater, die „Neue Bühne“, schrieb eine Kultursoziologin vor nicht all zu langer Zeit: „Die erste von 23 Uraufführungen, die er während seiner ersten Spielzeit auf die Bühne bringen will, war Volker Brauns „Was wollt ihr denn“ – ein makaber inszeniertes Stück über die ewige Freizeit, den freudlosen Zwangsurlaub im Arbeitslosenparadies, wie die Lausitz es sich anschickt zu sein. Latchinians Konzept ist es, Theater für die Dagebliebenen zumachen, das vorhandene Publikum ernst zu nehmen.…“ [2] Die Kultursoziologin fand das gut. Sie sah darin die Zukunft kultureller Institutionen in Regionen, die von Arbeitslosigkeit und Abwanderung geprägt sind. Später werden wir erkennen, dass wir von der Zukunft Europas sprechen. Weiterlesen