Quo vadis EU?

Welche geschützten Wege kann man gehen und mit welcher Geschwindigkeit sich fortbewegen, wenn man Nahrung oder Wasser besorgen muss und weiß, dass man jederzeit und willkürlich von einem ‚Sniper‘ erschossen werden könnte…?“, fragte Jean-Babtiste Joly1 angesichts der Spurensuche Annett Zinsmeisters, die ein Reisetagebuch über Sarajewo 1996 veröffentlichte. Ihre Bilder und Notizen sind Dokumente der Verwüstung, der Anklage und der Überlebensstrategien der Zivilbevölkerung. Weiterlesen

Sie schweigen lieber über die Herkunft (1) – CHARTA DER GRUNDRECHTE DER EUROPÄISCHEN UNION

Artikel 21

Nichtdiskriminierung

Diskriminierungen, insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung, sind verboten. (Kapitel III, Gleichheit, – 2000/C 364/01) Weiterlesen

Ornament der Offenheit

Das Künstlergruppe Wiener Secession, präsidiert von Gustav Klimt, nahm ein Jahr nach ihrer Gründung 1897 ihre eigene Ausstellungshalle in Besitz. Das Gebäude in der Wiener Innenstadt ist ein Inbegriff der Uneindeutigkeit, eine raumgewordene Version des Postulats der künstlerischen Freiheit. Ein Zeitgenosse beschrieb diese Kombination aus ornamentaler Kuppel und funktionalem Kubus als „Zwittergeburt zwischen Tempel und Magazin“. Weiterlesen

Freude schöner Götterfunken

„Dieser Krieg führt uns die Verletzlichkeit kultureller Vielfalt vor Augen und unseren Unwillen oder unsere Unfähigkeit, diese Vielfalt zu schützen.“, schrieb Annett Zinsmeister 1997 in ihr Reisetagebuch über Sarajewo. (1) Im Krieg wurden die Toten auf den Friedhöfen nicht mehr nach Religionen und Überzeugungen getrennt. Weiterlesen

Dann sind wir Helden für einen Tag

David Bowies „Heroes“ stand in der DDR auf dem Index. Das Lied durfte sich weder in Vinyl gepresst in einem durchleuchteten Päckchen befinden, noch in Radiostationen gespielt werden. Die Lovestory der Königskinder, die im Niemandsland eines Rocksongs zueinanderfinden, gehörte zum Soundtrack der Babyboomer im Osten wie im Westen. Weiterlesen

“Stirbt Trevira – Stirbt Guben”

Die am 6. Juli 1950 proklamierte Oder-Neiße-Grenze war im erschütterten Nachkriegseuropa alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Noch in den 50er Jahren wurde der Grenzverlauf zwischen der neuen Doppelstadt – Guben in der DDR und Gubin in der Volksrepublik Polen – militärisch gesichert. Die Mächtigen der SED und der PVAP handelten nach und nach Lockerungen im Grenzverkehr aus. (1) 1980 wurde die Grenze wieder geschlossen. Weiterlesen

Die Postkarte

Eine wahre Geschichte zum Tode von Christa Wolf (18. März 1929 – 1. Dezember 2011)

Es ist viele Jahre her, da lernte ich die Mutter eines Studienfreundes, eine Frau namens Christa S., kennen. Sie hatte ein eigenes und fünf Stiefkinder großgezogen und lebte mit einem diplomierten Jäger zusammen. Beide bewohnten ein seltsam großes und dunkles Haus mitten auf dem Gelände des Forstinstituts in Eberswalde. Christa S. ging im Institut ihrer Arbeit als Bibliothekarin nach. Sie las unentwegt Bücher, konnte mir von Émile Ajar bis Lion Feuchtwanger erzählen, was ich unbedingt noch lesen könnte. Sie mochte mich. Ihr Sohn bewohnte mit mir und einem weiteren Freund eine Studentenbude. Ostern 1983 waren wir – wie oft an längeren Wochenenden – die »Kinder« in Christa S.’ Haus, konnten uns am Kühlschrank und am Bücherregal bedienen. Weiterlesen

Gramscis Hegemoniekonzept – ein produktives Missverständnis

(Teil 1 – zu Gramscis Kulturverständnis – Intro innerhalb einer AG der Frühlingsakademie der LINKEN, EJB Werbellinsee/Brandenburg, 19. Mai 2011)

These 1

Der Hegemoniebegriff zielt – neben der politischen Analyse von Kräfteverhältnissen – auf eine kulturelle Begründung politischer Ideen

Gramsci hat den Hegemoniebegriff für die Einheit von Herrschaftsformen entworfen, die über das Kapitalverhältnis hinaus, in den Institutionen des Überbaus – wie Schulen, Theater, Kirchen, Vereine und Parteien – geprägt werden. Er erkennt, dass die Zustimmung der Unterdrückten, sich nicht nur aus einem nackten ökonomischen Abhängigkeitsverhältnis speist. Institutionen der Zivilgesellschaft spielen beim Erhalt der Herrschaftsstrukturen neben dem Staat (im engeren Sinne) eine enorme Rolle.  „Wie entsteht aus diesen Strukturen die historische Bewegung?“, lautet Gramscis[1] Frage, nachdem sich nicht die Ideen der Oktoberrevolution, sondern ein europäischer Faschismus ausbreiten. Gramsci lieferte damit Anstöße für moderne politische Theorien, die auf ein funktionelles Zusammenspiel mehrerer Herrschaftsverhältnisse setzen. Feministische und queere Theorien verweisen schon lange auf die Verschränkung des Kapitalverhältnisses mit dem historisch älteren Patriachat und dem Rassismus. [2] Weiterlesen

Gramscis zwiespältiges Verhältnis zu den Künsten

(Teil 2 – zu Gramscis Kunst- und Kulturverständnis – Intro innerhalb einer AG der Frühlingsakademie der LINKEN, EJB Werbellinsee/Brandenburg, 20. Mai 2011, schriftliche Version)

1. Aspekte von Gramcsis Kunstauffassung

Warum Gramsci den Künsten einen hohen Stellenwert einräumte, haben wir am gestrigen Tage einigermaßen geklärt: Die Künste sind Teil des hegemonialen oder gegenhegemonialen Diskurses über grundlegende gesellschaftliche Widersprüche. In vielen Texten offenbart Gramsci ein ausgesprochen instrumentelles Verhältnis zu den Künsten. Sein Ansatz entspringt der Perspektive des Parteipolitikers und weniger der des Praxisphilosophen. Weiterlesen

Progressive (künstlerische) Avantgarde als demokratietheoretischer Widerspruch und historisches Faktum

Rezension zu: Lutz Hieber, Stephan Moebius (Hg.). Avantgarden und Politik. Künstlerischer Aktivismus von Dada bis zur Postmoderne. 2009 (transcript-Verlag Bielefeld)

I. Zum theoretischen Ansatz

Lutz Hieber und Stephan Moebius haben einen Band zum Verhältnis (künstlerischer) Avantgarden und Politik herausgegeben und steigen beherzt mit einem Entree in ihren Sammelband unter dem Titel: Grundriss einer Theorie des künstlerischen Aktivismus von Dada bis zur Postmoderne (S.7-30), ein. Wir werden einleitend sanft aus dem vertrauten Refugium des Bildungsbürgertums verbannt und aufgeklärt, dass der Citoyen die Kunstautonomie als utopisches (Bildungs)refugium hochhielt. Weiterlesen