Rausch und Rituale im Winter

Rausch basiert auf der häufigen Wiederholung dessen, was wir gut können, wächst inmitten knallharter Rituale und überlebt nur in der Waagerechten zwischen Überforderung und Langeweile.

Deshalb bekomme ich alle Jahre wieder kurz vor Weihnachten einen schweren Anfall, eine Ratgeberecke zu veröffentlichen. Backrezepte, Weihnachtsbraten, Geschenketipps… Was kann ich denn beitragen, um die geschäftlige Vorweihnachtszeit vergessen zu machen, um ein leichtes erleuchetes Innehalten bei sanft abgesenktem Bewusstsein zu erzeugen, wo ich doch unentwegt an Puntsch, Schokolade und leuchtende Lichterketten denken muss. Weiterlesen

Rausch des Sommers IV – Die Drogenduftorgel

Preussische Spirituosen Manufaktur, Berlin-Wedding

Preussische Spirituosen Manufaktur, Berlin-Wedding

“Über 200 Duft- und Geschmackstoffe aus Blüten, Kräutern, Wurzeln, Rinden und Samen machen die Drogenduftorgel der Preussischen Spirituosen Manufaktur zum Ausgangspunkt sämtlicher Kompositionen.” Wer immer dies ins Faltblättchen einer ungewöhnlichen Weddinger Destillieranstalt geschrieben hat, bekommt den Preis für die Wortschöpfung der Woche, verliehen vom hiesigen Blaue-Stunden-Blog. Doch deshalb lohnt es kaum, die Tastatur zu quälen. Der tiefe Grund ist die Preisung hochprozentiger Kunst. Weiterlesen

Rausch des Sommers II – Helgoland im Juni

Der Lummensprung. Das große Ereignis der kleinen Insel.

Helgoland

Oberland Helgoland

Über die Fahrt mit der Fähre am Sonntag, den 19. Juni, ab Büsum wollen wir schweigen. Windstärke 8 bis 9. Arme Tagesbesucher. Da hingen sie über den Tüten und mussten mit anhören, dass die letzte Fähre nicht erst 16 Uhr, sondern wegen weiter aufkommenden Sturms schon um 15 Uhr ablegt. Zweimal die Schaukel des Grauens für 44 Euro, ein Schälchen Milchreis und Tee auf dem verregneten Inselrundgang und Würgereflexe bei Eiergrog und frischem Fisch. Toller Tag. Helgoland. Nein Danke.

Helgolandentdecker machen keine Tagestouren, denn Zigaretten, Parfüm, Schokolade und Whisky sind ohne Fährfahrkarte preiswerter. Sie bleiben einige Tage. Weiterlesen

Rausch des Frühlings II – Stresstest für Berlin?

Ostern_Frühlingserwachen

Ende der Fastenzeit

Meine Freundin hat’s ja gut getroffen, schenkten ihr nämlich Freunde einstmals zu einem dieser unverschämten Geburtstage im Leben einer Frau ein Kunstwerk, welches ein gut funktionierender Dildo in Form des würdevollen Johann Wolfgang war. Extraklasse war die batteriebetriebene Skulptur auch jenseits der künstlerischen Ambitionen. Durch diesen Fanartirkel aus dem Goethejahr 2001 konnte der Geheimrat nun ganz in Schwarz und aus feinstem beweglichen Gummi wirklich in jeder Lage geneigte Aufnahme finden. So kommt man doch auch und übergangslos zum Osterspaziergang. Weiterlesen

Rausch des Frühlings I – Es reicht

noch lange nicht.

“Liebe Sonne schei-ei-ne, dann sind wir nicht alei-ei-ne. Zeig’ mir wo die Beeren stehen, dann können wir schnell nach Hause geh’n”… Schneeweißchen und Rosenrot war es wohl auch noch nicht warm genug – zumindest mitten im Wald. Das Jäckchen gehört noch ins Stadttäschchen. Dies gilt besonders, wenn man sich draußen verträumt hat und es plötzlich und unerwartet vor dreiundzwanzig Uhr noch dunkel wird. Dann ist die schöne Frühlingssonne weg und der warme Duft der in Dioxin gehüllten Sommerstadt noch nicht da. Die Kühle lassen wir dann ruhig und schaurig auf uns wirken und es gelingt: Gundermanns unvergessenes »Fernseher aus – Sternschnuppen an!« Weg ist sie, die Kälte. Weiterlesen

Re :publica 11 – Das stand nicht im Programm…

Bloggerin Anne Roth moderierte Freitag, am 15. April 2011, am dritten Tag der re:publica 11 „Cyberfeministinnen und Girls on Web – ein Generationengespräch“

Panel Cyberfeminismus und Girls on Web

Anne Roth (i.d.M.) moderierte das Panel Cyberfeminismus

Der Generationenbegriff wurde einleitend wieder versenkt. Umso mühevoller entwickelten Diana McCarty und Valie Djordjevic, die den Cyberfeminismus in den 90ern mitbegründeten, seine Kunstraumherkunft, seine internationale Vernetzung, seine Mailinglistenkultur, seine Beteiligung an politischen Debatten. Auch die jüngeren, insbesondere Teresa Bücker, befanden für ihr breites Themenspektrum, von feministischen Zugängen zu sprechen, integrierbar. Dies insbesondere angesichts einer Ministerin Schröder, die die Steilvorlage für eine neue Akzeptanz feministischen Selbstbewusstseins liefere. Vergnügter noch präsentierte Katrin Rönicke von Girls on Web eine eingreifende Sinnhaftigkeit feministischer Zugänge und freute sich, den lokalisierten Freiraum für Bloggerinnen durch Vernetzung zu unterstützen. Weiterlesen

Erst kommen die Bagger, dann kommen die Spinner…

Förderbrücke als Kulturdenkmal

Förderbrücke F60 als Kulturdenkmal (Foto: DPOM)

Was mir bei der Diskussion zentral erscheint, ist der offene Prozess und die Notwendigkeit einer Öffnung. Ich habe gestern den Spaziergang durch den Tagebau Welzow geführt und möchte kurz schildern, wie es im Tagebau Golpa-Nord war. Zu den Spaziergängern kamen innerhalb von vier Jahren bis zu 7.000 Besucher z. T. bis aus Hamburg angereist, und sie haben 21DM Eintritt bezahlt. Sie können davon ausgehen, dass in fünfzig Jahren keiner aus Hamburg nach Gräfenhainichen anreisen wird, um dort in ein Segelboot zusteigen oder um dort baden zu können. Ich möchte dafür appellieren, den Raum zu öffnen – öffnen für Spinner, für Spieler, für Fremde, die ganz andere Sachen machen wollen. Erst so kann etwas Neues entstehen.“ (1 und 2) Weiterlesen

IBA oder wie man in zehn Jahren Jahrhunderte erfinden will

Die Lausitz ist das Land, in dem Fürst Pückler lebte und Konrad Zuse lernte. Der eine erfand das Kopierpapier, der andere automatisierte monotone Berechnungen durch die Erfindung des ersten Computers, des Z3. Beide waren Lausitzer, der eine als liberaler Fürst und dies zeitlebens. Der andere kam als Kind nach Hoyerswerda und besuchte das dortige Reform-Gymnasium, das heutige Lessing-Gymnasium, ehe er in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Berlin zum Studium ging.

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September im Staub des Jahrhunderts

1964. Wer in Lauchhammer eingeschult wurde, feierte im „Koker“. Die Blüschen waren höchstens zwei Stunden weiß und die Fensterbretter wurden vor Eintreffen der Verwandtschaft ein letztes Mal abgewischt. Die Oma kam aus dem luftigen Erzgebirge. Der Opa starb in seinem Garten nahe dem Uranabbau der Wismut AG. Dort waren die jungen Burschen reich und wurden nicht alt. In die Kohle zu gehen, in die Lausitz, war zwar mit einem ewigen Schleier aus Schmutz und Schmiere verbunden, aber es versprach ein längeres Leben. Weiterlesen